Nächtliches Weinen – Die Intuition einer Mutter

Seit dem ich weiß, dass ich hochsensibel bin, hat sich vieles bei mir verändert. Erst vor kurzem erlebte ich wieder einen solchen Moment. Es geht dabei um meine Unsicherheit, die mich seit der Geburt meines Sohnes begleiten. Erkenne ich die Bedürfnisse meines Babys? Reagiere ich angemessen auf den Wutanfall? Gebe ich meinem Kleinkind zu wenig oder zu viel Freiraum? Fühlt sich mein Kind von mir geliebt? Unterstütze ich mein Kind in seiner Entwicklung? Verlange ich zu viel von ihm? Diese und andere Fragen drängten sich mir immer wieder auf. Bis ich mich dazu entschloss, auf mein Bauchgefühl zu hören. Was allerdings viel schwieriger war: ich wollte endlich damit aufhören, mich ständig mit anderen Müttern zu vergleichen.

Schon vor der Geburt meines Kindes war ich mir bei einer Sache so felsenfest sicher, dass es mir in diesem einem Punkt absolut egal war, wie andere Eltern mit ihren Kindern umgehen: ich würde mein Kind nachts nicht schreien lassen. Wann immer es sich melden würde, ich würde aufstehen um es zu trösten. Dann kam mein Sohn auf die Welt und nichts war mehr so, wie es war. Mit am schlimmsten war der Schlafmangel, der sich nach wenigen Wochen stark negativ auf meine Psyche auswirkte. (Schlafentzug ist nicht umsonst eine der weißen Foltermethoden.) Mein Sohn meldete sich nachts etwa fünf bis achtmal. Ich bekam selten zwei Stunden Schlaf am Stück und ging auf dem Zahnfleisch. Weil man mir ansah, dass es mir nicht so gut ging, machte ich aus dieser Situtation auch nie einen Hehl. So erzählte ich unter anderem einer Bekannten von dem nächtlichem „Problem“. Sie riet mir darauhin zu einem Buch, das verspricht, dass jedes Kind ganz leicht lernen kann, wie es die Nacht über komplett durchschlafen kann.

Verzweifelt wie ich war, griff ich nach diesem Strohhalm. Ich kaufte das Buch, las die ersten Seiten, begann sofort mit dem „Training“. Ich ließ mein nur wenige Wochen altes Baby nachts weinen. Ganze drei Minuten lang. Sie kamen mir wie eine Ewigkeit vor. Schließlich hielt ich es nicht mehr aus und lief hastig zu meinem schreienden Kind, um es in den Arm zu nehmen und zu trösten. (Das Buch wurde von mir entsorgt. Ich wollte nicht, dass es jemand anderes liest und sein Baby dann schreien lässt.) Ein Baby kann sich nicht selbst füttern, wickeln, trösten oder wärmen. Es ist auf die Fürsorge seiner Mutter angewiesen und da es nicht sprechen kann, fordert es diese lauthals und mit zugegebener Maßen nervigem Weinen ein. Da konnten mir andere noch so viele liebgemeinte Tipps geben: ich würde nachts weiterhin aufstehen, sobald sich mein Sohn meldete. Auch wenn ich am nächsten Tag mit dunkeln Ringen unter den Augen und mit schlechter Laune aufwachen würde.

Und trotz meiner vermeintlichen Sicherheit die ich spürte, flüsterten mir meine Selbstzweifel spöttisch zu: „Ja, ja, steh du nur immerzu auf. Selbst schuld. Andere Mütter haben von 19:00 bis 7:00 Uhr Feierabend. Die können es einfach besser als du. Die sind morgens ausgeschlafen und immer gut gelaunt. Dein Pech, dass du dich von einem Säugling so um den Finger wickeln lässt.“

Passend zu diesem Thema hörte ich mir vor kurzem das Hörbuch „Das gewünschteste Wunschkind aller Zeiten treibt mich in den Wahnsinn“ von Danielle Graf und Katja Seide. Das Buch hat mir bewusst gemacht, dass ich mich viel mehr auf meine Gefühle und meine Intuition verlassen sollte, wenn es darum geht wie ich mit meinem 4jährigen Sohn umgehe.

Die ersten Lebensmonate meines Sohns waren die anstrengendsten in meinem Leben. Und das schreibe ich ganz ohne zu übertreiben. Ich meine damit nicht all die schlaflosen Nächte oder das körperliche Reagieren (Schweiß und Hitzewallungen) auf das Schreien. Ich meine damit, das ich das ständige Bedürfnis hatte, mich perfekt um mein Kind kümmern zu müssen, damit alle anderen um mich herum mit meinem Handeln einverstanden sind und mich für eine gute Mutter hielten. Denn dann müsste die Sache mit dem Durchschlafen doch klappen, wenn ich alles richtig machte, oder? Ich wollte richtig machen, auf Kosten meines Kindes. Ich verlor völlig den Fokus auf das Wesentliche und das Vertrauen in meine Intuition.

Es ging sogar so weit, dass ich mir (sogar wenn ich mit meinem Kind alleine war) Fragen stellte wie zum Beispiel „Wie würde das jetzt meine Freundin machen?“ oder „Was hat meine Mutter wohl in einer solchen Situation gemacht?“. Ich kam mir immer beobachtet vor. Gehetzt. Und das setzte mich unter einen enormen Druck. Rückblickend betrachtet weiß ich nun, dass ich zu jener Zeit an einer Wochenbettdepression litt. In Kombination mit meiner (bis dahin noch nicht erkannten) Hochsensibilität ergab sich daraus ein dunkles Gefühlschaos. Die Selbstzweifel, die mich damals heimsuchten, waren schlimmer als der Schlafentzug. Meine Nerven lagen blank. Ich kam vor wie eine Versagerin, weil ich es nicht schaffte, dass mein Kind durchschlief. Ich schämte mich wegen meiner Unfähigkeit. Heute muss ich darüber schmunzeln. Wie gerne würde ich die Zeit zurückdrehen können, um mit dem Wissen von heute die ersten Lebensmonate meines Jungens zu rocken!

Die eine Stelle des o.g. Hörbuchs, die mir quasi meinen inneren Frieden schenkte, war die, in der von einem kleinen Mädchen berichtet wird. Es findet jeden Abend immer wieder neue Ausreden, um aus seinem Bettchen klettern und zu Mama und Papa ins Wohnzimmer laufen zu können. Mal hat es Durst oder Hunger, mal muss es doch noch mal aufs Klo oder es sagt, es hätte einen bösen Traum gehabt. Mama und Papa werden von mal zu mal ärgerlicher, weil ihr ruhiger Fernsehabend immer wieder gestört wird.

Mein Sohn hatte zwar nie solche Einschlafprobleme, aber wurde (und wird) nachts häufiger wach. Stolz und auch froh über die Tatsache, berichtete ich meiner Familie und meinen Freunden dann, dass er dann aber immer sofort wieder eingeschlafen sei. Er hätte nur den Schnuller gebraucht oder wollte nur noch einmal gestillt werden. Manche behaupteten: „Dein Sohn testet dich aus.“. Aber damals wie heute frage ich mich, was ein drei Monate altes Baby testen will? Mir erschließt sich nicht der Sinn. Ob mich mein Sohn einfach nur ärgern wollte? Nur so? Aus Spaß? Ich finde das wirklich nicht besonders prickelnd wenn ich nachts aus meinem warmen Bett aufstehen muss, weil ich super schnell friere. Aber für meinen Sohn machte ich genau das. Ich stand nachts für ihn auf. Dass er nach einer solchen nächtlichen Unterbrechung sofort wieder friedlich einschlief war für mich der Beweis, dass ich richtig handelte. Ich gab ihm ganz offensichtlich das was er brauchte, um wieder beruhigt weiter schlafen zu können. Seinen Schnuller, die warme Decke, die Spieluhr oder eben Milch.

Aber genau wie das Mädchen in dem Buch wollte mein Sohn aber eigentlich nur eins: einmal kurz Mama tanken, damit er weiß, dass sie da ist und ihm nichts geschehen kann. Unterbewusst ging es ihm nicht vorrangig um den Schnuller, sondern darum dass ich für ihn da war. Kinder wollen sich absichern, damit sie beruhigt schlafen können. Es liegt in ihren und unseren Genen. Instinktiv fordern wir daher als Baby die Gewissheit ein, dass uns nichts passieren kann wenn wir schlafen und am verletzlichsten sind. Erhalten wir dann die nötige Zuwendung als Beweis dieser Sicherheit, schlafen wir beruhigt weiter. Bleibt diese Zuwendung aus, schaltet das Gehirn des Babys irgendwann auf Sparflamme. Es hört auf zu weinen und es sieht von außen so aus, als würde das Baby friedlich schlafen. (Kommt keine Hilfe, verhalte ich mich eben so unauffällig wie möglich, um nicht von potentiellen Feinden gefunden werden zu können. Dieses Verhalten ist eine Überlebensstrategie der sogenannten Nesthocker, wozu auch wir Menschen zählen.) Dabei schläft es nur scheinbar tief und fest. Währendessen kämpft es innerlich mit der Angst, weil es glaubt alleine auf sich gestellt zu sein.

Es tat so gut, als ich diese einleuchtende Erklärung aus dem Buch hörte, dass ich lächeln musste. In genau diesem Moment war mir klar geworden, dass ich weiterhin auf meine Intuition hören würde. Und nicht auf die wohlgemeinten Ratschläge von Familienangehörigen, Freunden oder Bekannten oder meine Selbstzweifel. Ich fühlte mich darin bestätigt, dass ich richtig gehandelt hatte. Denn so hatte ich meinem Baby furchtbare Ängste erspart, die es sonst alleine hätte ausstehen müssen. Das machte mich sowas von stolz auf mich selbst! (Mensch, tat das gut! Das war ein toller Moment!) Es war und ist absolut korrekt von mir gewesen, dem natürlichen Bedürfnis meines Sohnes nach Schutz und Geborgenheit nachzugehen.

Mein Sohn schläft übrigens am besten, wenn er direkt neben meinem Mann und/oder mir schläft. Letzteres machen wir immer dann, wenn mein Mann beruflich verreist ist. Dann darf mein Sohn auf Papas Seite im Bett schlafen. (Normalerweise schläft er alleine in seinem Zimmer.) Es ist das Schönste überhaupt, wenn sich mein Kind nachts im Schlaf an mich kuschelt. Das sind die Momente, die das Leben lebenswert machen.

 

Schenkt euren Kindern das, was sie brauchen: eure Liebe!

 

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