Interview mit Inga von Thomsen

Während meiner Internetrecherche zu dem Thema Hochsensibilität bin ich häufiger auf andere Blogs gestoßen, die von HSP geführt werden. Unter anderen bin ich so auf den Blog von Inga von Thomsen gestoßen.

www.schokogiraffe.de

Ihre Beiträge wirken wie Briefe von einer Freundin, weil sie offene und Mut machende Worte findet, um ihre Gedanken und Ansichten zum Thema Hochsensibilität auszudrücken.

Ich mag ihren Blog unter anderem auch, weil Inga und ich das gleiche Ziel haben: wir möchten über das Thema Hochsensibilität informieren und aufmerksam machen.  Daher nahm ich meinen Mut zusammen und schrieb sie an.

Ob sie Interesse an einem Interview hätte, habe ich sie gefragt. Und sie sagte mir prompt zu! Inga kannte mich nicht und sagte trotzdem zu. Ich habe mich sehr darüber gefreut!

Das Ergebnis unseres Emails-Austausches könnt ihr hier lesen:

  1. Frage: Vielen lieben Dank, dass Du Dir für dieses Interview Zeit genommen hast! Was möchtest Du über Dich erzählen? Wer bist Du und was machst Du?

Ich bin Inga aus Hamburg, 45 Jahre alt. Buchhändlerin, evangelische Theologin und Social Media Managerin. Die letzten beiden Dinge kombiniere ich zur Zeit beruflich. Außerdem blogge ich, sowohl über Social Media als auch über Hochsensibilität.

  1. Frage: Wie hast Du Dich und Deine Umwelt wahrgenommen, als Du noch nicht wusstest, dass Du hochsensibel bist?

„Irgendwie anders“ habe ich mich schon immer gefühlt. In der Schule war ich „schüchtern“ und in jedem Zeugnis stand, ich solle mich mehr beteiligen. Dabei wollte ich beobachten. Ab 13, 14 Jahre war ich viel allein, hatte keine echten Freunde in der Schule. So ab 16 wurde das besser.

Ich war immer empfindlich, nahm vieles persönlich, war nicht so belastbar. Allerdings lernte ich auch früh, mich dann zurückzuziehen und mir die Auszeiten zu nehmen, die ich brauchte, z.B. während des Studiums. Nie war ich eine Partymaus, sondern immer lieber zu Hause mit einer Kanne Tee und einem guten Buch. Ich konnte auch immer ganz gut allein sein.

Was ich nicht verstanden habe, war der Unterschied zwischen den Menschen, die raus müssen und viel erleben, um ihre Energiereserven aufzufüllen, und denen, die Rückzug brauchen. Ich dachte, alle empfinden wie ich – und mir war nicht klar, wie sie das alles aushielten. Deswegen fühlte ich mich „anders“.

  1. Frage: Wie und wann hast Du erfahren, dass Du hochsensibel bist? Was hat diese Erkenntnis in Dir ausgelöst?

Ernsthaft mit dem Thema Hochsensibilität beschäftigt habe ich mich 2009. Ich arbeitete in einer Buchhandlung, und ein Kunde bestellte das Buch „Zart besaitet“ von Georg Parlow. Wie viele HSP erlebte ich den Inhalt (denn ich bestellte mir das Buch sofort ebenfalls für mich!) wie eine Offenbarung und hatte das Gefühl: Die schreiben ja über mich!

Schnell war mir klar: ich bin hochsensibel. Seitdem las ich viel, und die Erklärungen halfen mir sehr. Mich einordnen zu können, das Gefühl zu haben, nicht „merkwürdig“ und seltsam zu sein, sondern eben hochsensibel – das gab mir sehr viel Selbstvertrauen und ein besseres Verständnis meiner selbst.

Vor zwei Jahren konzentrierte ich mich dann auch auf das Thema Beruf: Was hat Hochsensibilität in meinem Beruf zu suchen? Damals war ich selbstständig und handelte einfach anders als Nicht-HSP. Ich wollte herausfinden, wie ich meine Hochsensibilität kreativ in meinen Berufsalltag integrieren kann. Dabei hat mir ein Coach (die selber HSP ist), und ich bin dankbar für diese Unterstützung.

Heute gehe ich viel selbstverständlicher mit meiner Hochsensibilität um und auch viel offener. Was spannend ist, weil ich dadurch viel ins Gespräch komme oder mich Menschen darauf ansprechen – wie auch du :-)!

  1. Frage: Woran machst Du Deine Hochsensibilität fest? Kannst Du uns vielleicht von einer typischen Situationen berichten?

Bestimmte körperliche Dinge: Lärm- und Geruchsempfindlichkeit, ich bin sehr schreckhaft (laute Geräusche, aber auch Sirenen), mich nerven Geräusche und Gerüche (Zigaretten kann ich gar nicht ab, ebenso bestimmte aufdringliche Parfüms) einfach viel schneller als andere.

Empfindlichkeit, was die Haut angeht (die bei mir eh sensibel ist): ich schneide alle Etiketten aus Klamotten – immer schon.

Bestimmte Lebensmittel: Alles, was weich in der Mitte ist (Trauben, Mandarinen, Orangen, Kirschen, Tomaten) kann ich nicht essen, ich kriege davon wirklich einen Würgereiz. Ich kenne andere HSP, die zB keinen Milchreis essen können, damit habe ich gar keine Probleme. 🙂

Radio: Ich höre gerne Musik. Aber ich bin sofort genervt, wenn mein Mann morgens das Radio anmacht und ich der Musik ausgesetzt bin, die ich nicht hören will.

Ähnlich mit dem Fernsehen: Gerne, wenn ich es bewusst schaue, aber nicht als Hintergrund (wenn andere schauen und ich im selben Raum bin).

Gefühlswelten: Schaue ich einen Film, beschäftigt mich der – auch nach dem Ende. Ich kann dann nicht gut umschalten und sofort etwas anderen ansehen.

Kopfkino generell: Ich mache mir wahnsinnig viele Gedanken über das, was passiert ist oder passieren wird. Spiele im Kopf Szenen durch, wenn ich z.B. ein Treffen habe. Wer ist da, was sage ich, wie sieht es dort aus…  Manchmal hilft mir das, weil ich nicht so unsicher bin. Manchmal macht es mich aber auch noch nervöser, besonders, wenn ich den Ort nicht kenne.

Smalltalk – ein übliches HSP-Unthema 🙂 Mich mit Unbekannten über etwas unterhalten zu müssen, egal ob auf einem Kongress oder einer Party – nicht mein Ding. Ich habe starke Fluchttendenzen! Eine leichte Sozialphobie ist eh Teil meiner Persönlichkeit…

Kommunikation: Wie viele HSP habe ich lieber Kontakt per Mail als per Telefon (oder persönlich! Schon als Kind hasste ich es, wenn meine Mutter mich „mal kurz zur Nachbarin“ rüber schickte, um etwas zu fragen). Heute arbeite ich beruflich mit den sozialen Medien – ideal, denn ich liebe den Input und den Austausch, kann ihn aber selber steuern.

Ich bin selber auch noch Scannerin: multiinteressiert an tausend Themen. Fange vieles neu an, brauche immer neue Reize. Allerdings ohne Bungeejumping oder ähnliches. Eine neue Sprache lernen, mich mit neuen Themen auseinander zu setzen, das reizt mich. Allerdings nie zu lange, dann wird es uninteressant.

  1. Frage: Was hat sich für Dich verändert, seit dem Du weißt, dass Du hochsensibel bist? Wie erlebst Du Dich und Deine Umwelt jetzt?

(siehe oben unter 3.)

  1. Frage: Du hast einen eigenen Blog zum Thema Hochsensibilität bzw. thematisierst Du die Hochsensibilität in einigen Posts dort. Was hat Dich dazu bewegt?

Zuerst brachte ich HSP-Themen mit auf mein berufliches Blog ein, was auch durchaus auf Interesse stieß bei den LeserInnen. Trotzdem hatte ich den Wunsch, es thematisch abzugrenzen, weil ich auch nicht nur über berufliche HSP-Themen schreiben wollte. So entstand die schokogiraffe!

  1. Frage: Was möchtest oder kannst Du anderen hochsensiblen Menschen mit auf den Weg geben?

Traut euch: Es ist ein Aha-Erlebnis und ein aufgehender Vorhang. Für mich war es eine wahnsinnige Erleichterung, mich mit dem Thema Hochsensibilität zu beschäftigen. Und das wünsche ich allen. Und: Wir sind viele!!

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